Nach dem Winter ist vor dem Winter – der Adersberg-Höhenweg in zwei Schneelagen
Landschaft ist nie fertig. Wer denselben Weg zweimal geht, geht selten durch dieselbe Landschaft – und im Winter reichen dafür manchmal drei Tage. Der Adersberg-Höhenweg in den Chiemgauer Alpen hat mir das Ende Februar eindrucksvoll vorgeführt.
Beim ersten Mal liegt tiefer, frischer Neuschnee: alles weiß, alles weich, alles still. Drei Tage später dieselbe Wanderung, dieselben Standpunkte – aber die Sonne ist da, und aus dem Pulver ist schwerer Pappschnee geworden. Nach dem Winter ist vor dem Winter. Oder mittendrin im Frühling. So genau weiß man das in den Bergen nie.
Tag eins: Tiefer Neuschnee am Adersberg-Höhenweg
Neuschnee macht aus einer vertrauten Landschaft eine Zeichnung. Zäune, Wege und Wiesenkanten verschwinden, übrig bleiben ein paar dunkle Linien: Baumstämme, eine Hütte, ein Stück Wald. Die Äste tragen schwer, jedes Geräusch wird geschluckt. Bilder von solchen Tagen sind fast schwarz-weiß, ohne dass man etwas dafür tun müsste.
Drei Tage später: Sonne und Pappschnee
Drei Tage später ist die Stille vorbei. Der Schnee hat sich gesetzt und ist nass und schwer geworden, von den Bäumen ist er längst heruntergerutscht. Dafür kommt Licht ins Spiel: Schatten auf dem Schnee, Kanten, Spuren, Farbe am Himmel. Aus der Zeichnung ist wieder eine Landschaft geworden – an der Lindlalm sieht es schon fast nach Frühling aus.
Tourbeschreibung: Winterwanderung auf dem Adersberg-Höhenweg zur Lindlalm
Der Adersberg liegt oberhalb von Rottau und Grassau am Nordrand der Chiemgauer Alpen. Vom Adersberg aus zieht der Höhenweg unter Gedererwand und Erlbergkopf entlang zu den Almen – ohne große Steigungen, aber mit immer neuen Blicken ins Voralpenland und hinauf zu den Felsen. Ziel dieser Winterrunde ist die Lindlalm.
Im Sommer ist das ein gemütlicher Spaziergang. Im Winter hängt alles an der Schneelage: Bei tiefem Neuschnee wird aus dem Spaziergang ehrliche Spurarbeit, im Pappschnee geht es sich leichter, dafür nass. An beiden Tagen bin ich die gleiche Strecke gegangen – der Unterschied liegt allein im Schnee und im Licht.
Tour-Steckbrief
- Ziel: Adersberg-Höhenweg zur Lindlalm (rund 990 m), Chiemgauer Alpen, unterhalb von Gedererwand und Erlbergkopf
- Ausgangspunkt: Adersberg oberhalb von Rottau bei Grassau (rund 820 m)
- Route: Adersberg – Höhenweg – Lindlalm; zurück auf demselben Weg
- Charakter: einfache Winterwanderung auf breiten Wegen mit mäßigen Steigungen; Aufwand und Gehzeit hängen stark von der Schneelage ab
- Ausrüstung: wasserdichte Schuhe, Gamaschen, bei festgetretenem oder vereistem Schnee Grödel; bei viel Neuschnee Schneeschuhe
- Einkehr: im Winter unterwegs keine verlässliche Einkehr – Getränke und Brotzeit mitnehmen
Prüfe vor einer Winterwanderung Wetterbericht und Schneelage. Auch auf einfachen Wegen gilt: Nach starkem Schneefall drohen Schneebruch im Wald und Rutschungen an steilen Böschungen, und die Tage sind kurz.
Zum Abgleichen und Planen: Erlbergkopf ab Adersberg bei Höhenrausch – die Tour nutzt denselben Ausgangspunkt und dieselben Almwege.
Fotolocation Adersberg: Derselbe Weg, zwei völlig verschiedene Bilder
Der Reiz dieses Beitrags liegt im Vergleich. Gleicher Weg, gleiche Blickrichtungen, drei Tage Abstand – und zwei Bildserien, die kaum etwas miteinander zu tun haben. Für die Landschaftsfotografie steckt darin eine einfache Lehre: Das Motiv ist nur die halbe Miete. Die andere Hälfte sind Wetter, Schnee und Licht.
Neuschnee verlangt Zurückhaltung. Der Himmel ist meist bedeckt, das Licht diffus, die Kontraste sind gering. Die Kamera belichtet weiße Flächen von sich aus zu dunkel – eine Belichtungskorrektur von etwa einer Blende ins Plus bringt das Weiß zurück. Im Bild selbst zählt Reduktion: wenige dunkle Elemente, viel leere Fläche. Und die Reihenfolge ist wichtig: erst fotografieren, dann durch den Vordergrund stapfen. Eine unberührte Schneefläche gibt es nur einmal.
Pappschnee bei Sonne ist das Gegenteil. Jetzt gibt es Schatten, Strukturen und Farbe. Seitliches Licht arbeitet die Oberfläche des Schnees heraus, Spuren und Verwehungen werden zu Linien, die durch das Bild führen. Der Kontrast ist hoch – hier lohnt der Blick aufs Histogramm, damit die sonnenbeschienenen Flächen nicht ausfressen. Ein Polfilter vertieft das Blau des Himmels.
Wer mag, macht daraus eine Methode: einen Standpunkt merken und bei anderem Wetter, zu einer anderen Tageszeit oder in einer anderen Jahreszeit wiederkommen. Kaum etwas schult den Blick so gründlich.
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Häufige Fragen zur Winterwanderung am Adersberg
Wo liegt der Adersberg-Höhenweg?
Am Adersberg oberhalb von Rottau bei Grassau, am Nordrand der Chiemgauer Alpen. Der Höhenweg führt unterhalb von Gedererwand und Erlbergkopf zu den Almen, unter anderem zur Lindlalm.
Ist der Adersberg-Höhenweg im Winter begehbar?
In der Regel ja, er ist eine einfache Winterwanderung auf breiten Wegen. Wie anstrengend sie wird, hängt von der Schneelage ab: Bei tiefem Neuschnee musst Du spuren, bei festem oder vereistem Schnee helfen Grödel. Geräumt wird der Weg nicht.
Was ist der Unterschied zwischen Neuschnee und Pappschnee?
Neuschnee ist frisch gefallen, locker und trocken; er liegt auf jedem Ast und dämpft Licht und Geräusche. Pappschnee ist feuchter, schwerer Schnee, der bei Temperaturen um den Gefrierpunkt entsteht oder aus angetautem Neuschnee wird. Er klebt, lässt sich formen und zeigt deutliche Spuren und Strukturen.
Wie fotografiert man Schneelandschaften richtig?
Bei bedecktem Himmel und Neuschnee etwa eine Blende überbelichten, damit der Schnee weiß statt grau wird, und das Bild auf wenige Elemente reduzieren. Bei Sonne auf das Histogramm achten, seitliches Licht für die Strukturen nutzen und die Vordergründe nicht vor der Aufnahme zertreten.


Volker Lesch - Alpenland Fotografie
Volker Lesch - Alpenland Fotografie
Volker Lesch - Alpenland Fotografie
Volker Lesch - Alpenland Fotografie
Volker Lesch - Alpenland Fotografie
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